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Content-Handwerk22. Juni 2026·5 Min. Lesezeit

Ihr bester Content existiert bereits

Porträt: Tugce Fotiou

Tugce Fotiou

Co-Founder · Content, Interviews & Redaktion

Wenn ich mit Unternehmen über LinkedIn spreche, höre ich fast immer denselben Satz: "Wir müssten mehr Content machen." Ich halte diesen Satz für eine Fehldiagnose.

Die meisten B2B-Unternehmen haben kein Content-Problem. Sie haben ein Verteilungsproblem. Das Wissen, das sie sichtbar machen müssten, existiert längst – es verlässt nur nie das Haus.

Wo Expertise versteckt liegt

Drei Orte, an denen ich sie immer wieder finde:

In Projekten

Jedes abgeschlossene Projekt enthält Entscheidungen, Umwege und Erkenntnisse. Was wurde unterschätzt? Welche Annahme war falsch? Was würde man beim nächsten Mal anders machen? Diese Antworten wären für potenzielle Kunden hochinteressant, denn sie zeigen, wie ein Unternehmen wirklich arbeitet. Aufgeschrieben werden sie fast nie. Das Projekt endet, das Team zieht weiter, das Wissen bleibt im Abschlussordner.

In Sales-Gesprächen

Vertriebsteams beantworten jede Woche dieselben Fragen: Warum ist das teurer als beim Wettbewerber? Was passiert, wenn die Migration schiefgeht? Wie lange dauert die Einführung wirklich? Die Antworten darauf sind präzise, erprobt und aus hunderten Gesprächen geschärft. Jede einzelne davon wäre ein guter Beitrag. Stattdessen werden sie mündlich wiederholt, Gespräch für Gespräch – für ein Publikum von genau einer Person.

In Köpfen

Der wichtigste Ort. Eine Geschäftsführerin, die ihren Markt seit fünfzehn Jahren kennt, trägt Einschätzungen mit sich, die kein Marktreport liefert: welche Trends überschätzt werden, welche Fehler die Branche wiederholt, wohin sich die Preise bewegen. Dieses Urteilsvermögen ist das Ergebnis von Berufsjahren. Öffentlich sichtbar ist davon meist: nichts.

Warum Prompts dieses Problem nicht lösen

Die naheliegende Antwort im Jahr 2026 lautet: "Dann lassen wir die KI doch Beiträge schreiben." Ich verstehe den Impuls, und er führt in eine Sackgasse.

Eine KI kann nur verarbeiten, was man ihr gibt. Wer ihr die Website, ein paar Branchennews und eine Zielgruppenbeschreibung füttert, bekommt Text, der zu jedem Unternehmen der Branche passen würde – und genau deshalb für keines etwas bewirkt. Das erkennbare Ergebnis dieser Praxis haben wir in unserem Gründungsbeitrag beschrieben: Feeds voller austauschbarer Beiträge, denen die Leser längst ausweichen.

Der Unterschied zwischen einem austauschbaren und einem guten Beitrag ist kein besserer Prompt. Es ist besserer Rohstoff.

Interviews als Rohstoffgewinnung

Deshalb beginnt unsere Arbeit nicht am Bildschirm. Sie beginnt im Gespräch.

Ein strukturiertes Interview holt genau das heraus, was in keiner Unternehmensbeschreibung steht: die konkrete Situation, die eigene Meinung, den Fehler, aus dem man gelernt hat, die Prognose, die man begründen kann. O-Töne. Formulierungen, wie sie nur diese eine Person wählt.

Ein Beispiel für den Unterschied – bewusst konstruiert: Aus einer Website lässt sich ableiten, dass ein Unternehmen "individuelle Softwarelösungen für den Mittelstand" anbietet. Aus einem Interview kommt stattdessen ein Satz wie: "Die meisten unserer Projekte verzögern sich nicht wegen der Technik, sondern weil in Monat zwei niemand mehr Entscheidungen trifft." Der erste Satz ist Beschreibung. Der zweite ist Erfahrung – und der Anfang eines Beitrags, den nur dieses Unternehmen schreiben kann.

Das ist der Kern dessen, was wir bei IYOS unter Extract verstehen, der ersten Stufe unseres Signal Systems: Wissen aus Köpfen und Gesprächen herausholen, bevor irgendjemand über Formate, Frequenzen oder Kanäle nachdenkt.

Was das für Sie bedeutet

Wenn Ihr Unternehmen auf LinkedIn unsichtbar ist, lautet die erste Frage nicht: "Wer schreibt uns Posts?" Sie lautet: "Wo liegt unser Wissen – und wer trägt es?"

Machen Sie eine einfache Übung. Notieren Sie die drei Fragen, die Ihr Vertrieb am häufigsten beantwortet. Notieren Sie die eine Fehlentscheidung des letzten Jahres, aus der Sie am meisten gelernt haben. Und notieren Sie eine Marktentwicklung, bei der Sie anderer Meinung sind als der Rest Ihrer Branche.

Sie haben jetzt fünf Beitragsideen, die keine KI und kein Wettbewerber liefern könnte. Das war Ihr Content-Problem – es war nie eines.

Porträt: Tugce Fotiou

Tugce Fotiou

Co-Founder · Content, Interviews & Redaktion

Tugce verantwortet Interviews, Redaktion und Qualität bei IYOS — und schreibt über das Handwerk hinter Content, der nach Menschen klingt.