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Content-Handwerk3. August 2026·6 Min. Lesezeit

Vom Interview zum Content-System: Wie aus einem Gespräch 8 bis 15 Beiträge werden

Porträt: Tugce Fotiou

Tugce Fotiou

Co-Founder · Content, Interviews & Redaktion

Die häufigste Frage zu unserer Arbeitsweise ist eine Mengenfrage: Wie sollen aus einem einzigen Gespräch von 30 bis 60 Minuten 8 bis 15 LinkedIn-Beiträge entstehen?

Die Antwort liegt nicht in einem Trick. Sie liegt darin, wie das Gespräch geführt wird und was danach mit ihm passiert. Beides will ich hier so konkret wie möglich beschreiben – es ist die erste Stufe unseres Signal Systems, wir nennen sie Extract.

Warum das Gespräch der Engpass ist – und der Wert

Zuerst die Einordnung: Das Interview ist der teuerste Teil unseres Prozesses. Es braucht die Zeit einer Führungskraft, es braucht Vorbereitung, es lässt sich nicht automatisieren. Genau deshalb ist es auch der wertvollste Teil. Alles, was danach kommt – Strukturieren, Schreiben, Redigieren –, kann prinzipiell auch der Wettbewerb. Was er nicht kann: die Erfahrungen und Meinungen dieser einen Person erheben. Das Gespräch ist der Engpass und der Wert, und zwar aus demselben Grund: Es ist nicht kopierbar.

Wer diesen Schritt überspringt und stattdessen aus Website und Branchennews generieren lässt, produziert das Austauschbare, vor dem wir seit unserem zweiten Beitrag warnen.

Die Interviewtechnik: Was wir herauskitzeln

Ein gutes Extract-Interview ist kein Fragebogen und kein Podcast-Plausch. Es ist eine gezielte Suche nach vier Materialsorten:

Stories. Konkrete Situationen mit Anfang, Wendung und Ausgang. Die Frage ist nie "Was halten Sie von Thema X?", sondern "Erzählen Sie mir vom letzten Mal, als X schiefging." Menschen antworten auf abstrakte Fragen mit Allgemeinplätzen und auf konkrete Fragen mit Geschichten. Nur Geschichten tragen Beiträge.

Meinungen. Wir fragen gezielt nach Reibung: Wo sind Sie anderer Ansicht als Ihre Branche? Welche verbreitete Empfehlung halten Sie für falsch? Bei welchem Thema müssen Sie sich in Meetings zurückhalten? Die erste Antwort ist oft diplomatisch – die zweite, nach einer gezielten Nachfrage, ist meist die ehrliche. Wir warten auf die zweite.

Fehler. Die ergiebigste Kategorie und die am schwersten zugängliche. Eigene Irrtümer, gestoppte Projekte, falsche Annahmen. Beiträge über Fehler sind deshalb so stark, weil sie beweisen, dass jemand wirklich dort war – niemand erfindet sich eine Niederlage. Voraussetzung ist Vertrauen, und das ist ein Grund, warum dieselbe Person die Interviews führen sollte, über Monate.

Prognosen. Begründete Erwartungen: Was wird sich in Ihrem Markt in zwei Jahren verändert haben, und woran machen Sie das fest? Prognosen positionieren, weil sie überprüfbar sind. Sie zeigen Urteilsvermögen statt Rückschau.

Aus einem 45-minütigen Gespräch, das diese vier Sorten systematisch abklopft, kommen erfahrungsgemäß 15 bis 25 verwertbare Momente – O-Töne, Anekdoten, Zuspitzungen. Nicht jeder trägt einen ganzen Beitrag, aber die Ausbeute ist verlässlich groß genug für 8 bis 15 Stück.

Vom Transkript zum Beitrag

Nach dem Gespräch beginnt die Redaktionsarbeit, in vier Schritten:

1. Transkription und Sichtung. Das Gespräch wird vollständig transkribiert. Wir markieren jeden Moment, der eine der vier Materialsorten enthält – inklusive der wörtlichen Formulierungen. Diese O-Töne sind Rohmaterial und Stilprobe zugleich.

2. Themenkarte. Aus den markierten Momenten entsteht eine Liste einzelner Beitragsideen. Die Regel dabei: Ein Beitrag trägt genau einen Gedanken. Eine einzige gute Story zerfällt oft in zwei oder drei Beiträge – die Situation selbst, die Lehre daraus, die Meinung, die daraus folgt.

3. Entwurf in der Stimme der Person. Jeder Entwurf wird gegen die dokumentierten Sprachmuster der Person geschrieben und geprüft – wie das funktioniert, von den O-Tönen bis zur Liste der verbotenen Wörter, steht in "Das klingt nicht nach mir". Wo immer möglich, bleiben Originalformulierungen aus dem Gespräch wörtlich erhalten.

4. Freigabe. Kein Beitrag erscheint ohne das ausdrückliche Ja der Person. Die Korrekturen aus jeder Freigaberunde fließen zurück in unser Bild ihrer Stimme – das System wird mit jedem Zyklus präziser.

So entsteht aus einem Gespräch ein Content-Vorrat für vier bis acht Wochen. Danach folgt das nächste Gespräch, mit neuen Fragen und wachsendem Vertrauen. Nach drei, vier Zyklen kennt man eine Person gut genug, dass die Interviews tiefer gehen als am Anfang – die Qualität steigt, während der Zeitaufwand der Führungskraft konstant bleibt.

Der ehrliche Maßstab

Ob dieser Prozess funktioniert, erkennen Sie an einer einzigen Stelle: an der Freigabequote. Wenn Beiträge regelmäßig mit dem Satz "Genau so habe ich das gemeint" zurückkommen, stimmt das System. Wenn jede zweite Freigabe zäh wird, war das Interview zu dünn – dann hilft kein besseres Schreiben, sondern nur ein besseres Gespräch.

Wenn Sie prüfen wollen, wie viel unerschlossenes Material in Ihrem Unternehmen liegt, ist das Signal Audit der einfachste Anfang: Wir schauen uns an, welche Wissensträger Sie haben und was davon heute sichtbar ist.

Porträt: Tugce Fotiou

Tugce Fotiou

Co-Founder · Content, Interviews & Redaktion

Tugce verantwortet Interviews, Redaktion und Qualität bei IYOS — und schreibt über das Handwerk hinter Content, der nach Menschen klingt.